Die Psychologie in einer Zeit der Zusammenbrüche
Kollapsbewusstsein ist die Fähigkeit die Realität möglichst umfassend wahrnehmen zu können, um so realistische Handlungsspielräume erkennen und nutzen zu können.
Es ist die natürliche Gegenbewegung zur Verdrängung. Kollapsbewusstsein ist ein fortwährender und aktiver Prozess des Trauerns und des Hinwendens zu schmerzlichen Anteilen der Realität. Die Trauer kann dabei bereits verlorenes beinhalten oder im Sinne einer vorausschauenden Trauer auch zukünftige Verluste einschließen. Die aktive Hinwendung zu schmerzlichen Aspekten der Realität ist immer eine Gratwanderung. Sie kann Trauerprozesse moderieren oder traumatisch sein. Die Traumatisierung kann sich im Sinne prä-traumatischen Stresses dabei nicht nur auf bereits stattfindende, sondern auch auf zukünftige Bedrohungen und Katastrophen beziehen. Trotz der Prozesshaftigkeit wird Kollapsbewusstsein häufig als Zustand innerer Befreiung oder als Akzeptanz im Sinne der Trauerphasen beschrieben. Dies deutet darauf hin, dass es einerseits Bewusstseinsstufen zu geben scheint und andererseits dieser Prozess in einer zusammenbrechenden Welt niemals endgültig abgeschlossen sein kann.
Im aktuellen klimapsychologischen Diskurs werden meist pathologische Verarbeitungsformen, wie Klimaangst und Klimadepression beschrieben. Das Ziel klimapsychologischer Initiative ist es dabei meist Ohnmachtsgefühle, Hilf- und Hoffnungslosigkeit durch das Erleben von Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit zu überwinden. Da das bloße Erleben von Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit ohne einen tiefgreifenden Trauerprozess oft selbst eine Form der Verdrängung darstellt, greift dieser Ansatz zu kurz. Der Begriff Kollapsbewusstsein scheint daher besser zu beschreiben, was eine gesunde psychische Verarbeitung und Haltung in einer Zeit der Zusammenbrüche bedeuten kann.